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Willow Creek und die schwäbische Seele

28. Januar 2012

Man lernt nie aus, und das auch und gerade als Kirche nicht. Weshalb es gut ist, dass dieser Tage in Stuttgart der Willow Creek-Leitungskongress stattgefunden hat. Weil es von Willow Creek, einer erfolgreichen Großgemeinde in der Nähe vom amerikanischen Chicago, tatsächlich viel zu lernen gibt. Was man hierzulande wohl genauso sieht. Wie anders wäre es sonst zu erklären, dass täglich über 7000 Menschen in die Schleyer-Halle beziehungsweise Porsche-Arena gepilgert und von dem Gebotenen durchaus beeindruckt gewesen sind.

Und ich war, aber wohl nicht nur ich allein, zumindest an einem Punkt auch irritiert. Oder sollte ich Pastor Bill Hybels missverstanden haben? Jedenfalls hat der Leiter von Willow Creek den Christen in Deutschland die Leviten gelesen. Indem er seine Enttäuschung darüber zum Ausdruck brachte, dass die Kirchen hierzulande nicht weiter seien als vor fünfzehn Jahren. Was laut Hybels vor allem auch daran liege, dass man im christlichen Umfeld Probleme nicht beim Namen nenne und sie stattdessen mit Begriffen wie „Liebe“ und „Gnade“ zudecke. Das Gegenteil aber sei notwendig: Wer als Mitarbeiter fortgesetzt schlechte Stimmung verbreite, zu wenig Leistung bringe oder von seiner Aufgabe dauerhaft überfordert sei, müsse in einer Gemeinde von seinem Posten entfernt werden.

Wobei Hybels mit dem allem ja nicht nur unrecht hat. Aber nach liebevollem Durchtragen auch der Schwachen klingt das nicht, eher nach Mr. Gnadenlos, in dessen Gemeinde ein Rädchen hochprofessionell in das andere greift und die Perfektion das Maß aller Dinge ist. So aber lässt sich Kirche nicht überall organisieren – weder hier noch in den USA. Ganz abgesehen davon, dass man das ja vielleicht auch gar nicht wollen sollte. So wenig wie zumindest ich es will, dass Christen hierzulande ihren Kopf abschalten, um anschließend mit einem Steinzeitglauben Einfluss auf die Politik zu nehmen, wie das derzeit im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf geschieht.

Aber wie gesagt: Vielleicht habe ich Bill Hybels ja auch nur missverstanden. Und mehr als eine Randnotiz, wenn auch eine viel beachtete, sind diese seine Äußerungen ohnehin nicht gewesen. Charmant auf jeden Fall die Replik vom württembergischen evangelischen Landesbischof Frank Otfried July. Der den Teilnehmern am Willow Creek-Leitungskongress ins Stammbuch geschrieben hat, dass bei Veränderungsvorschlägen aus den USA bedacht werden müsse, dass sich die schwäbische Seele von der nordamerikanischen unterscheide. Was ja nichts anderes als eine freundliche Umschreibung dafür ist: „Bruder Bill, lass uns Schwaben bittschön auch ein bisschen nach unsrer Façon selig werden!“

Wofür durchaus manches spricht. Jedenfalls können wir außer Hochdeutsch zwar nicht alles, aber Kirche schon, und das nicht erst seit gestern. Wobei Kirche für uns mehr ist als ein gut geführter Konzern. Und deshalb muss es darin, Bill Hybels zum Trotz, auch Platz für Schwächen und Schwache geben. Und für den diese Schwächen kompensierenden Heiligen Geist. Der uns gleichwohl nicht verbietet, unter anderem von Willow Creek zu lernen. Weil man lernt nie aus, und das auch und gerade als Kirche mit schwäbischer Seele nicht.

Das meint Koch. Und was meinen Sie?

7 Kommentare Eins hinterlassen →
  1. Kongressteilnehmer Permalink
    30. Januar 2012 20:41

    Lieber Herr Koch, haben Sie den Kongress besucht? Oder kommentieren Sie nur die epd-Berichterstattung? Ich persönlich fand die zitierten Aussagen von Bill Hybels ziemlich pauschal und undifferenziert. Es hat mich geärgert, dass er “die Pastoren” (übrigens nicht nur aus der Landeskirche, sondern auch die zahlreich erschienenen Freikirchler und Wiedertäufer) alle über einen Kamm geschoren hat. Genauso wenig richtig ist es aber, die Berichterstattung über einen dreitägigen Kongress auf das zu reduzieren, was Bill Hybels in nicht mal ganz einer Viertelstunde gesagt hat. Wesentlich gewinnbringender fände ich, über die Vorträge von Hanspeter Wolfsberger und Prof. Michael Herbst zu diskutieren. Letzterer riss das Auditorium zu regelrechten “standing ovations” hin und bewies, dass wir nicht nur von Willow Creek, sondern auch von einem Universitätsprofessor unserer viel gescholtenen theologischen Fakultäten etwas lernen können. Aber lieber machen wir einen Nebenkriegsschauplatz auf (schwäbische Seele gegen amerikanischen Perfektionismus), anstat uns an die Arbeit zu machen. Es wäre den “Schweiß der Edlen” wert (hat das nicht der Schwabe Friedrich Schiller gesagt?), die vielen guten Impulse des Leitungskongresses zu bedenken und manches davon auszuprobieren. Aber mit dem Hammer draufhauen (Achtung! Wortspiel zum 28. Januar 2012 um 22:47 Uhr) geht schneller …

  2. thomas motzt Permalink
    30. Januar 2012 18:11

    Selbstverständlich unterscheidet sich die schwäbische Seele von der nordamerikanischen. Aber das haben wir vorher auch schon gewusst.
    Dass der Kongress dann wieder auf ein paar Halbsätze reduziert wird (“hire and fire”) – man muss sich nur die Facebook-Kommentare all derer durchlesen, die weder auf dem Kongress waren, noch eine Ahnung davon haben, mit welcher Leidenschaft (nicht blind, sondern liebevoll), Mitarbeiter bei WillowCreek ihre Arbeit tun, das alles ist ein bisschen armselig. Darin unterscheidet sich die schwäbische Seele sehr von der nordamerikanischen, dass bisweilen eine Krämerseele in der schwäbischen schlummert.
    Und die größte Kritik wird dort laut, wo man selbst die größten blinden Flecken hat.
    Um nur ein konkretes Beispiel zu nennen: Pfarrplan heißt bei uns: Streichen nach Zahlen. Mehr Plan steckt nicht dahinter, von einer Vision ganz zu schweigen.
    Aber Selbstkritik war noch nie die Stärke – weder der Schwaben noch der württembergischen Landeskirche. Auch da unterscheidet sich die schwäbische Seele sehr von der nordamerikanischen.
    Vielleicht könnten sich alle Kritiker wenigstens den Vortrag von Michael Herbst zu Gemüte führen, der ein ausgewiesener Landeskirchler ist – allerdings auf die Gefahr hin, dass er den Lesern (wie auch den Hörern beim Kongress) ein paar blinde Flecken aufzeigt. Ob das ein Schaden ist wage ich zu bezweifeln. Man könnte ja auch etwas daraus lernen…

    P.S. Und wer noch nie auf einem der Kongresse war und eigentlich keine Ahnung von dem hat, was dahinter steckt, der sollte besser gar keinen Kommentar abliefern – das ist einfach peinlich und niveaulos! (Nein, Herr Koch, damit waren nicht Sie gemeint!)

    Und ob wir Schwaben Kirche können, wage ich langsam zu bezweifeln. Wir geben 18 Millionen Euro für “Wirtschaftliches Handeln” aus, um erstaunt hinterher festzustellen, dass uns das Geld fehlt, unsere Gebäude in Zukunft zu erhalten. Wer ordentlich gehaushaltet hat, der hat das vorher auch schon gewusst. Die 18 Millionen hätten wir durchaus gewinnbringender investieren können.

  3. Karl Martell Permalink
    28. Januar 2012 22:47

    Von Willow Creek gibt es genauso viel zu lernen wie von den US-amerikanischen Republikanern, die Heiner Geißler zutreffend als „aufgeblasene FDP“ charakterisiert.
    Nämlich NICHTS!

    • Christoph W. Eckard Permalink
      29. Januar 2012 12:04

      …und manche Saat fiel auf unfruchtbares Land….

    • Hobbyprediger Permalink
      29. Januar 2012 19:55

      Spr 29,20: “Siehst du einen Mann, der übereilte Worte spricht, so kannst du für einen Toren mehr Hoffnung haben als für ihn.”

      Lk 7, 18-20: “Ein guter Baum kann nicht arge Früchte bringen, und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen. Ein jeglicher Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Darum an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.”

      Aber wer sich für überlegen hält gegenüber einer christlichen Gruppierung, die immerhin für sich verbuchen kann, den Evangelisierungsauftrag und den Aufbau der Gemeinde Jesu mit erkennbaren Resultaten ernst zu nehmen, wird sich vermutlich auch von der Bibel nichts sagen lassen.

  4. Christoph W. Eckard Permalink
    28. Januar 2012 17:58

    Ich schätze Herrn Kochs spitze Feder. Deshalb sei hier auch mein lautes “Einspruch, Euer Ehren!” erlaubt. Ich habe diesen Kongress von Anfang bis Ende besucht. Ich war dabei. Ununterbrochen.

    Herr Koch reisst Sätze aus dem Zusammenhang – etwas, was ja auch einige Prediger bei Bibeltexten für gut und richtig halten. Es führt aber, weder bei Bibeltexten, noch bei Vorträgen, zu guten Ergebnissen.

    Ich erlebe leider seit Jahren als Mitglied der Evang. Landeskirche Württembergs, dass Bill Hybels recht hat: Probleme dürfen nicht beim Namen genannt werden – und werden deshalb auch nicht gelöst. Man beachte einfach mal, wie sich praktisch alle Pfarrer darum drücken, offen und ehrlich darüber zu sprechen, dass sie mit ihren Predigten über 90% der Gemeindeglieder nicht mehr erreichen. Von denen, die noch nie von Jesus gehört haben, überhaupt nicht zu reden. Ausreden, Ausflüchte.

    So lange es als ein exkommunikationswürdiges Verbrechen gilt, einen Pfarrer zu kritisieren (einer der unsrigen bezeichnete sich gar als der “Papst der Gemeinde”; also permanent unfehlbar), wird sich wenig bis nichts ändern.

    Bill Hybels stellte die REVEAL-Studie vor, mit deren Hilfe die Stärken und Schwächen einer Gemeinde herausgefunden werden könnten. An der Zahl der Gemeinden hier im Lande, die bereit sind, sich ehrlich mit ihrem Zustand auseinanderzusetzen, wird man ablesen können, ob Herr Koch recht hat. Ich fürchte nur, dass das Ergebnis so ausfallen wird, wie bisher überall: Kaum ein Pfarrer will wirklich, ehrlich wissen, wie der Zustand seiner Gemeinde ist. “Wer etwas will, findet Wege, wer etwas nicht will findet Gründe”.

    Genauso unzuzlässig vermischt Herr Koch den Umgang mit hilfsbedürftigen Menschen und den Umgang mit falsch handelnden Leitern. Zur Erinnerung: Es war ein Kongress für Leiter! Wer Verantwortung für andere Menschen trägt, muss mit einem anderen Maß gemessen werden, wie jemand, der unser Hilfe und Zuwendung lebensnotwendig braucht. Ich habe leider erlebt, wie, um einen einzigen unfähigen Leiter zu schützen, eine ganze Gemeinde geopfert wurde. Bill Hybels hat klare Regeln aufgestellt, wie man einem Leiter mit Geduld zu recht helfen sollte – aber auch, dass ein Leiter, der unbelehrbar anderen Menschen Schaden zufügt, aus seinem Amt entfernt werden muss. Wer ein solches Verhalten kritisiert, hat wohl nie mit echten Leitern gearbeitet – sondern nur mit Helfern.

    Tut mir leid Herr Koch, dieses mal haben Sie m.E. kräftig daneben gelangt.

    • Hobbyprediger Permalink
      29. Januar 2012 19:47

      Volle Zustimmung zu diesem Kommentar. Nicht nur, daß die evangelische Kirche alles andere als gabenorientiert arbeitet (wo in der theologischen Ausbildung kommt die Untersuchung vor, ob der auszubildende Student die Gabe der Leitung hat?), sie traut sich auch nicht, Fehler einfach zuzugeben. Es hat nichts mit Unbarmherzigkeit zu tun, jemanden aus einem Amt zu entfernen, dem er nicht gewachsen ist! Nicht umsonst sollen wir einander nicht nur lieben, sondern auch in Liebe ermahnen — schon Paulus wußte anscheinend mehr als die heutige Kirche, daß auch Christen in geistlichen Ämtern fehlbar sind und der Korrektur durch andere bedürfen.

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