Mit Klara und Marie*

*An Gründonnerstag, also am 2. April 2015, ist Klara Walz, die jüngere der beiden „Schwestern von der Albmühle“, in einem Pflegeheim in Burladingen gestorben. Am Ostersonntag wäre sie 91 Jahre alt geworden. Zum Gedenken an sie, aber auch zur Erinnerung an Marie Walz, die schon seit längerer Zeit tot ist, wird hier ein Beitrag vom Mai 2010 noch einmal veröffentlicht: „Mit Klara und Marie“.

„Der Herrgott weiß, was mit uns geschieht.“ Was für ein schöner Satz! Und was für ein schöner Dokumentarfilm! Leider gibt es ihn nirgendwo mehr zu kaufen und im Fernsehen läuft er nur noch selten: „Der Herrgott weiß, was mit uns geschieht – Die Schwestern von der Albmühle“. Ob es ihn deshalb nicht mehr gibt, weil die Zeit, die er abbildet, fast schon versunken ist? Vielleicht.

In der Albmühle jedenfalls wohnt niemand mehr. An der Haustür steht in verwischter Kreide: „C+M+B. Anno 2008.“ Das letzte Mal, dass die Sternsinger da gewesen sind. Seit Jahren schon liegt Marie Walz auf dem Friedhof von Stetten unterm Holstein begraben. Es ist hier, dass wir erfahren: Klara, die jüngere Schwester, ist jetzt im Altersheim.

Klara, die Sägmüllerin, unverheiratet wie Marie. Klara, deren Idiom man sogar für Schwaben untertiteln muss. Klara, die ihr Gebiss nur zum Kirchgang trägt. Klara, auf deren Kommando gestandene Mannsbilder ohne Murren hören. Klara, die „voma kromma Stamm grade Britter“ machen kann. Klara, die noch ein halbes Jahrhundert nach dem Krieg auf die Rückkehr des vermissten Bruders hofft. Und Klara, die am Ende des Films und irgendwie auch gegen Ende eines nicht einfachen Lebens ihr Schicksal dem Himmel anbefiehlt: „Der Herrgott weiß, was mit uns geschieht.“ Mit Klara und Marie.

Ein Hauch von diesem Gottvertrauen scheint uns zu streifen, als wir uns von Hörschwag – Marie hat dort immer die Messe besucht – zur Mühle aufmachen. Aber vielleicht bilden wir uns das ja auch nur ein. Dort jedenfalls regt sich nichts mehr – und schon gar kein Wasserrad, auch wenn die Lauchert die Mühle wie eh und je umfließt und danach zeitlos durchs Tal sich schlängelt. Die Gebäude abgesperrt, der Putz am Bröckeln, das Sägwerk stillgelegt, der Waschkessel hinterm Haus verschwunden. Da unter freiem Himmel hat Marie die Wäsche gewaschen, weil Strom gab’s in der Mühle keinen. „Zu teuer“, sagt Klara im Film.

Vor der Mühle die Holzbank aber ist noch da. Eigentlich wollten wir auf ihr neben Klara sitzen, so wie sie selbst mit ihrer Schwester darauf gesessen hat. Aber auch Klara ist jetzt ja weg. So setzen wir uns allein auf die Bank, schließen die Augen und fallen aus der Zeit. Statt Gegenwart Vergangenheit. Traurig macht’s Muh aus dem Stall, wo Gretel, die Kuh, den geschlachteten Hahn vermisst. Die Hühner picken hierhin und dorthin. Eine Katze streift durch den Schnee und verschwindet hinter dem Holz. Überm Küchentisch flackert die Lampe, 110 Volt, von Wasserkraft erzeugt. Wir lesen in Gedanken das Schild, das irgendwo noch hängen muss: „Nur jener ist ein rechter Mann, der mit der Klara sägen kann.“ Und wir summen mit – mit Klara auf der Wallfahrt nach Maria Vesperbild und mit Marie, die – „do ben i au scho g’wea“ – jetzt abends am liebsten zuhause ist: „O Maria, hilf!“ Hängen auch sonst noch der einen oder anderen Filmszene nach, sagen nichts und spüren, wie, was einmal gelebtes Leben war, nun auch in uns versinkt.

Der Besuch an der Albmühle gerät uns ein bisschen zu einem heiligen Moment. Dann trennen wir uns und setzen uns ein paar Steinwürfe entfernt zum Vesper ins Gras. Vor uns die Lauchert. Die Sonne scheint uns ins Gesicht. Über allem aber schwebt und ist doch nur von uns zu hören Franz Schubert. Eine Kollegin hat die Filmmusik mitgebracht: das Adagio aus dem Streichquintett in C-Dur. Hin zur Mühle blühen Schlüsselblumen.

Ach ja, auf dem Friedhof von Stetten sagt man uns noch, Klara sei traurig, dass sie jetzt im Altersheim sein müsse. Nicht traurig sein, Klara! Du und deine Schwester, ihr habt uns und vielen anderen vieles gegeben. Mit eurer Bescheidenheit und Zufriedenheit. Mit eurer Gelassenheit. Mit eurem „Hauptsache, man ist gesund“ und „I schaff am liebsta da ganza Tag“. Und mit eurem Gottvertrauen. Und das vor allem ist es doch, was wirklich zählt – auch in unserer Zeit, in die hinein die eure jetzt versinkt: „Der Herrgott weiß, was mit uns geschieht.“ Mit Klara und Marie und auch mit uns.

Das meint Koch. Und was meinen Sie?

Und meinen Sie nicht auch, dass es den Film unbedingt wieder zu kaufen geben müsste, wenn er schon nur noch selten im Fernsehen kommt?

Die DVD „Der Herrgott weiß, was mit uns geschieht – Die Schwestern von der Albmühle“ ist seit 2011 zum Preis von 19,80 Euro erhältlich bei der Evangelisches Medienhaus GmbH, Augustenstraße 124, 70197 Stuttgart, Telefon 0711 / 22276-26, Fax 0711 / 22276-43, E-Mail info@evmedienhaus.de, Internet www.evmedienhaus.de. Von dort und zum Preis von 22,90 Euro kann auch das gleichnamige, mit vielen Fotos aus dem Film und darüber hinaus illustrierte Buch von Eberhard Neubronner und Rudolf Werner bezogen werden.

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Zwei Frauen und ein Film*

*An Gründonnerstag, also am 2. April 2015, ist Klara Walz, die jüngere der beiden „Schwestern von der Albmühle“, in einem Pflegeheim in Burladingen gestorben. Am Ostersonntag wäre sie 91 Jahre alt geworden. Zum Gedenken an sie, aber auch zur Erinnerung an Marie Walz, die schon seit längerer Zeit tot ist, wird hier ein Beitrag vom April 2011 noch einmal veröffentlicht: „Zwei Frauen und ein Film“.

Dies ist eine Liebeserklärung an zwei Frauen und an einen Film: „Der Herrgott weiß, was mit uns geschieht – Die Schwestern von der Albmühle“. Der vor über zehn Jahren in der ARD zum ersten Mal ausgestrahlt worden ist. Den es in den dritten Programmen immer wieder einmal zu sehen gibt. Dem zuliebe seine Fans, wenn es sein muss, bis weit nach Mitternacht aufbleiben. Und den es jetzt, nachdem er lange Zeit vergriffen war, endlich von Neuem zu kaufen gibt.

Diesen Film, wie gesagt, liebe ich und mit ihm die beiden Frauen, um den er sich dreht: die Schwestern Klara und Marie, die bis ins hohe Alter in einer Sägemühle auf der Schwäbischen Alb leben unter Bedingungen aus einer versunkenen Zeit – ohne Strom, ohne Fernsehapparat, ohne Waschmaschine und dergleichen. Und die trotzdem zufrieden sind, wenn sie nur jeden Tag aufstehen und ihre Sachen „schaffen“ können.

Inzwischen liegt Marie auf dem Friedhof in Stetten unterm Holstein begraben. Und ist doch lebendig wie eh und je, wenn sie im Film Brennholz über eine steile Treppe in die Küche schleppt, vor der Mühle ihre Sense dengelt, mit der Nähmaschine Klaras Blaumann flickt oder ohne Scheu „O Maria, hilf!“ in die Kamera singt.

Klara dagegen ist noch am Leben. 87 Jahre sei sie jetzt, erzählt sie mir im Altersheim, „ond 66 davo bene uf der Säge gsei.“ Von der einst resoluten Sägerin, die ihr Gebiss bloß zum Kirchgang trägt, deren Idiom sogar für Schwaben wie eine Fremdsprache klingt und auf deren Kommando gestandene Mannsbilder ohne Murren hören, gibt es in der Albmühle noch in Holz gekerbte Zeugnisse wie dieses hier: „Nur jener ist ein rechter Mann, der mit der Klara sägen kann.“ Ansonsten ist das Leben aus der Mühle verschwunden und auch aus dem Stall, wo Gretel, die Kuh, anno dazumal den von Marie geschlachteten Hahn vermisst.

Rudolf Werner, dessen Regie wir „Der Herrgott weiß, was mit uns geschieht“ verdanken, hat außer Marie auch Klara zum Filmstar gemacht. Was sie selber aber sicher gar nicht so sieht. Weil sie ist ja auch im Film lediglich ganz sie selbst: zahnlos, wie gesagt, mit etwas wildem offenem Haar, immer am Arbeiten, nur ab und an sich eine Wallfahrt gönnend oder ein paar Tage Exerzitien in Beuron, über das Wort „Transformator“ stolpernd – weil der zu teuer ist, gibt’s bei Klara und Marie keinen Strom –, „äll Däg an andere Brescht“ als Altersgebrechen gelassen hinnehmend und von jetzt auf nachher anrührend traurig, wenn es um die beiden im Krieg gebliebenen Brüder geht. Oder soll man darüber, dass sie fast bis zum Schluss auf die Rückkehr des ja „nur“ vermissten Joseph hofft und für ihn alle Maschinen „verhält“, vielleicht müde lächeln? Mitnichten!

Älter geworden und nicht mehr in der Mühle lebend ist Klara anders. Ganz weiß ist jetzt ihr Haar und nicht nur am Sonntag hochgesteckt. Schwarze Hose und Schürze kleiden sie gut. Ihre Hände legt sie in den Schoß. Auffallend klein sind sie und alles andere als Sägerinnenpranken. Mit ihnen hat sie früher sogar Klavier gespielt, nachdem sie in der Schule in Hörschwag beim Lehrer – „dr Vadder vom Kardinal Lehmann“ – Noten lernen durfte.

Miteinander schauen wir Fotos an. Vor einem Jahr habe ich die gemacht. Bewegen tut sich an der Mühle und um die Mühle herum bloß noch das Flüsschen Lauchert. Sonst – ein kurzer Seufzer: „Älles leer!“ Aber nein, kalt sei’s in der Mühle früher nie gewesen. Im Gegenteil: Der Kachelofen habe schön warm gegeben, und das auch für Marie, als die zum Schluss krank gewesen ist. Aber die Treppe war doch steil und sicher ziemlich beschwerlich? „Awa, noi!“ Macht sich da vielleicht jemand etwas vor, weil „i wett scho gern nomal zrück en dui Mühle“? Fast im gleichen Atemzug aber: „Wenn de alt bisch ond nemme hoim kaasch, sottesch sterba derfa.“

Die Klara von einst ist zur Ruhe gekommen. Bis auf ihre Augen. Und bis auf ihren regen Geist, der sie mit leiser Stimme Sachen sagen lässt, die man schon aus dem Film gut kennt. Und Dinge, die zumindest mir neu sind. Alters(heim)weisheiten zum Beispiel, die ich dem Sinn nach erinnern, aber nicht mehr auf Schwäbisch schreiben kann: „Wenn mir jemand krumm kommt, höre ich einfach weg. Dann stört es mich nicht.“ Als ich mich von ihr verabschiede, wünsche ich ihr alles Gutes und Gottes Segen. „Den ka ma braucha“, antwortet Klara.

Warum nun aber, ja, liebe ich diesen Film? Weil ich mich in diesen Film hinein- und mit ihm aus der Zeit fallen lassen kann. Weil seine Musik mich trägt – Franz Schubert, das Adagio aus dem Streichquintett in C-Dur. Weil er mir die Schönheiten auch des eigenen Lebens wiederentdecken hilft. Und weil er – und das vor allem – ein ebenso schlichtes wie eindrückliches Glaubenszeugnis ist, abgelegt von Klara und Marie, denen deshalb ebenfalls meine Liebe gilt. „Der Herrgott weiß, was mit uns geschieht“, so lautet ihre Bilanz gegen Ende eines alles andere als einfachen Lebens und am Ende des Films. Schöner kann man es, denke ich, nicht sagen, was glauben heißt, nämlich darauf vertrauen, dass Gott es schon richtig macht mit uns. Gut darum, dass es „Der Herrgott weiß, was mit uns geschieht – Die Schwestern von der Albmühle“ wieder zu kaufen gibt! Und so viel Werbung darf und muss, glaube ich, hier an dieser Stelle sein.

Das meint Koch. Und was meinen Sie?

Die DVD „Der Herrgott weiß, was mit uns geschieht – Die Schwestern von der Albmühle“ ist zum Preis von 19,80 Euro erhältlich bei der Evangelisches Medienhaus GmbH, Augustenstraße 124, 70197 Stuttgart, Telefon 0711 / 22276-26, Fax 0711 / 22276-43, E-Mail info@evmedienhaus.de, Internet www.evmedienhaus.de. Von dort und zum Preis von 22,90 Euro kann auch das gleichnamige, mit vielen Fotos aus dem Film und darüber hinaus illustrierte Buch von Eberhard Neubronner und Rudolf Werner bezogen werden.

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„Je suis Charlie“ als Christenpflicht

Ich hab gestern mit einer Journalistin gesprochen. Der Schock über die Geschehnisse von Paris stand ihr noch ins Gesicht geschrieben. „Es ist die Symbolik, die mir so zu schaffen macht“, sagte sie. „Eindeutiger geht es doch kaum.“ Was sie damit meint, ist klar: Der Terroranschlag auf die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ war ein Frontalangriff auf die Pressefreiheit und mithin auf die Demokratie. „Da muss einem ja das Blut in den Adern gefrieren. Hoffentlich hat auch meine Zeitung den Mut, dem zu widerstehen und sich nicht einschüchtern zu lassen.“

Übrigens kam der Austausch aufgrund einer Frage von mir zustande: „Warum das enorme öffentliche Echo nur in Sachen Paris? Müsste das Morden zum Beispiel der Islamistensekte Boko Haram in Nigeria nicht gleichermaßen die Schlagzeilen bestimmen?“ Die Antwort der Journalistin – siehe oben! Ganz abgesehen davon sei Afrika weit weg, Frankreich dagegen in unmittelbarer Nachbarschaft: Der Terror rückt näher. Das beschäftige Menschen und Medien verständlicherweise ganz besonders.

Ob wir nicht trotzdem und ohne das eine gegen das andere auszuspielen auch für die toten Frauen, Männer und Kinder im Norden von Nigeria die Flaggen auf Halbmast setzen sollten, und sei’s nur in unseren Herzen? Überhaupt für alle Menschen, die dem Wahn irregeleiteter Glaubenskrieger zum Opfer fallen? Ich jedenfalls wünsche mir das traurig-schöne „Je suis Charlie“ als Solidaritätsadresse für unsere ganze Welt, wo immer sie durch Terror und Gewalt noch mehr aus den Fugen zu geraten droht.

Apropos Mut: Mutig gilt es auch zu sagen, und zwar gerade hierzulande, dass nicht der Islam als solcher, sondern eine pervertierte Form dieser Religion die Toten von Paris und anderswo auf dem Gewissen hat. Eine solche Klarstellung ist schon allein deshalb nötig, um eine Spaltung unserer Gesellschaft zu verhindern. Gut darum, dass muslimische Autoritäten sich von Gewalt in jedweder Form distanzieren! Und gut auch, dass die Kirchen aufkommende Wogen zu glätten versuchen! Der württembergische Landesbischof Frank Otfried July tut dies in einem Wort an die Gemeinden so: „Wenn es überhaupt eine Trennungslinie geben darf, dann verläuft die nicht zwischen den Religionen, sondern zwischen denen, die der Gewalt huldigen, und jenen, die für die Werte von Frieden, Freiheit und Menschenachtung stehen.“

Um noch einmal auf das Gespräch mit der Journalistin gestern zurückzukommen: Mut beziehungsweise Zivilcourage sind in der Tat das Gebot der Stunde, gerade weil die Symbolik und mit ihr die Zielrichtung des Anschlags von Paris so eindeutig sind. Die Menschenachtung, die Freiheit und der Frieden wollen verteidigt sein – „Je suis Charlie“ auch als Christenpflicht.

Das meint Koch. Und was meinen Sie?

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